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Gelbbrustara
Ich bin Diggi  - das
"Versuchskaninchen"

Der Aviator - eine realistische Betrachtung
Teil II - die sachliche Version

von Jens Eberhardt

 

Ich möchte dieses Thema mal dazu verwenden um uns Haltern klar zu machen, wofür dieses Fluggeschirr dienen kann und was unserem Vogel abträglich ist. Ich möchte hier alle möglichen Seiten beleuchten, die zum Thema Aviator gehören, damit sich jeder ein Urteil erlauben kann.

Gefieder

Wir alle wissen, dass unseren Vögeln stets und ständig neue Federn nachwachsen, die den Vogel vor Umwelteinflüssen schützen. Diese zarten, frisch sprießenden Federn, die teilweise noch in ihren Hüllen stecken, werden durch das Geschirr gedrückt bzw. gequetscht. Dass die Federfollikel hiervon Schaden nehmen, ist nachvollziehbar, da der Druck des Brustgeschirrs auf den Vogel unausweichlich ist. Schließlich wird er durch die Gummileine abgebremst und die Bremskräfte wirken dort, und nur dort, wo das schmale Band des Geschirrs am Vogel anliegt.

Hier ein paar Bilder von den zarten Federn, die überall am Vogel zu finden sind:

Gelbbrustara Gelbbrustara Gelbbrustara
Bilder vom empfindlichen nachwachsenden Gefieder


Flugverhalten

Aras sind Baumbewohner. Ein Ara, der "voll durchzieht", fliegt nicht dicht über dem Boden, er zieht seine Bahn in größerer Höhe. Dies entspricht seiner Art. Kann er dies mit dem Brustgeschirr an der Gummileine oder fliegt er daran dicht über dem Boden in Kreisen? Artgerecht? Vertrauen wir den Befürwortern, bzw. der Werbung für den Aviator einfach mal.

Gelbbrustara Gelbbrustara Gelbbrustara
Aras sind Baumbewohner, die gern hoch fliegen

Da immer und immer wieder darauf hingewiesen wird, dass man seinen Papagei nur im freiem Feld mit Aviator fliegen lassen sollte (wegen der Gefahr des "Hängenbleibens"), sollten nachstehende Überlegungen beim Gebrauch des Aviators mit einfließen:

Wie soll/wird sich ein Papagei verhalten, der eine Gefahr (oder vermeintliche Gefahr) von sich aus sieht?

Rotmilan Bussard
Sind diese Greifvögel (Rotmilan und Bussard) eine Gefahr für Aras?
Nein.

Wanderfalke
Ist dieser Greifvogel (Wanderfalke) eine Gefahr?
Eindeutig JA!

Da unsere Papageien über ein wachsames und sehr scharfes Auge verfügen, nehmen sie die Gefahr durch Greifvögel viel früher wahr als ein Mensch und fliegen entweder nicht freiwillig los oder verschwinden ins Blätterdach.

Gelbbrustara Gelbbrustara Gelbbrustara
Der Ara sucht Schutz im Blätterdach

Wenn wir als Halter dann wahrnehmen, dass der Vogel entspannen tut, können wir uns ganz getrost zurücklehnen, dem Vogel bei seinem Tagesgeschäft zusehen und an der Körpersprache erkennen, dass er sich sicher fühlt - und ihn dann zurückrufen.

Mal eine ganz ehrliche Frage: Wer würde seinen Papagei gegen einen Wanderfalken oder Habicht an einer dehnbaren Leine antreten lassen? Keiner! Es würde keiner von euch machen wollen.

Das Landemanöver eines Vogels

Habt ihr mal das Flugverhalten eurer Papageien beim Landen genau beobachtet oder im Bild festgehalten? Der Vogel stellt seine Flügel dabei immer in einem Winkel von fast 90° zur Flugrichtung an und kann so punktgenau auf einem Ast oder ähnlichem landen. Auch eine Landung auf dem Boden sieht ähnlich aus.

Landemanöver Landemanöver Landemanöver

Ist dies bei der Landung am Aviator auch so? Sprich, wird das Flugmanöver vom Papagei ausgelöst und nicht vom Gummiband?

Was der Aviator alles kann

Nun werde ich mal kurz aber nachvollziehbar beschreiben, was der Aviator alles kann.
Ich habe mir das nicht ausgedacht, nein, es sind physikalische/mathematische Gesetze - und um die kommt man nicht herum.

Teststrecke
Teststrecke

Fluggeschwindigkeit und Energie

Ich habe die Fluggeschwindigkeit meines Aras gemessen. Als Teststrecke diente eine beidseitig abgesperrte Straße. Diese war ideal , um den Vogel innerhalb dieser Mini-Allee fliegen zu lassen. Wir haben die Flugzeiten gestoppt und insgesamt 4 Messungen durchgeführt. Der Versuch wurde mit einfachen Mitteln durchgeführt, eventuelle dadurch entstandene Messungenauigkeiten spielen jedoch im Hinblick auf das Ergebnis, bzw. dessen Auswirkungen, eine untergeordnete Rolle.

Vogel:

Gewicht des Vogels: 906 Gramm
Gemessene Geschwindigkeiten des Vogels:
Bei 40 Meter Flugstrecke: 43 km/h (11,94 m/s)
Bei 80 Meter Flugstrecke: 51 Km/h (14,17 m/s)

Aus dem Gewicht und der Geschwindigkeit lässt sich die kinetische Energie des Vogels errechnen.
Sie beträgt bei 43 km/h: 65 Joule und bei 51 km/h: 91 Joule.

Was sagen uns diese Zahlen: Der Vogel setzt den größten Teil seiner Kraft dafür ein, Geschwindigkeit zu erzielen; die Auftriebskraft, die er benötigt, um sein Gewicht in der Luft zu halten, entsteht dabei in erster Linie durch aerodynamische Gesetzmäßigkeiten aufgrund des Flügelprofils (wie bei einem Flugzeug, der Motor zieht es nach vorn, getragen wird es durch den am Flügelprofil erzeugten Auftrieb). Wird der Vogel zu langsam, verringern sich die aerodynamischen Auftriebskräfte, der Vogel fängt an zu flattern und kommt kaum noch vorwärts, weil er seine ganze Energie einsetzt, um sein Gewicht in der Luft zu halten. Freiwillig tut er dies selten, z. B. wenn plötzlich ein unerwartetes Hindernis auftaucht oder wenn der Landeort schwierig und unsicher ist (siehe Absatz Landemanöver). Ihr kennt sicher alle den Turmfalken, auch Rüttelfalke genannt. Er kann schnell fliegen, er kann aber auch rüttelnd in der Luft stehen. Papageien beherrschen den Rüttelflug nicht.

Aviator:

Der Aviator besteht aus einem Geschirr, das dem Vogel angezogen wird und einer Gummileine.
Die Gummileine ist auf ca. doppelte Länge dehnbar. Wie weit der Vogel die Leine allerdings dehnen kann, hängt von seiner Kraft und der Federkonstanten der Leine ab. Er kann sie mit Sicherheit nicht um das Doppelte dehnen.

Eine Gummileine hat die Eigenschaft, Energie zu speichern, das heißt, die Energie, mit der sie in die Länge gedehnt wird, ist nicht verloren, sondern in der Gummileine gespeichert. Die Folge ist, dass sich die Gummileine zusammenzieht, sobald die Zugkraft an ihrem Ende nachlässt. Das wisst ihr alle, jeder hat schon mal ein Stück Gummiband zwischen beiden Händen langgezogen und dann eine Seite losgelassen.

Vogel an der Leine

Wie wir oben gesehen haben, fliegt der Vogel schnell, was solange geht, wie die Leine locker hängt, dabei hat er eine kinetische Energie. Wenn die Gummileine anfängt sich zu spannen, nimmt sie Energie auf, anfangs wenig, bei zunehmender Spannung immer mehr. Diese Energie fehlt dem Vogel, um nach vorn zu fliegen, er wird immer langsamer, bis er nicht mehr fliegen kann, anfängt zu flattern und runter muss. Zum Landen stellt der Vogel seine Flügel an (siehe oben). Und nun? Der Vogel hat keine kinetische Energie mehr, die Gummileine hat seine gesamte kinetische Energie gespeichert - und zieht ihn zurück, spätestens dann, wenn er am Boden ist!

Nun heißt es ja, dass die Leine seitlich am Geschirr zu befestigen ist, was dazu führt, dass der Vogel nicht geradeaus fliegt, bis die Leine ihn zur Landung zwingt, sondern in eine Kreisbahn gelenkt wird. Na prima! Oder doch nicht? Stellt euch einmal vor, ihr möchtet mit dem Fahrrad über einen großen Platz fahren, um zu den Häusern auf der anderen Seite zu gelangen und irgendeine, für euch unbegreifliche, Kraft zwingt euch in eine Kreisbahn - ihr würdet wohl an eurem Verstand und an euren Fähigkeiten, geradeaus fahren zu können, zweifeln.

Ihr glaubt das alles nicht? Dann schaut mal ganz genau hin: Video
Bei Minute 1:18 ist gut zu sehen, wie sogar der langsam fliegende Vogel (= geringe Spannung der Leine) ruckartig um 90° gedreht wird. Bei Minute 2:01 sieht man, wie "sanft" der Vogel zu Boden geleitet wird.

Jeder möge sich selbst ein Urteil anhand der Fakten bilden, ein Fazit ziehe ich ganz bewusst nicht.

 


Veröffentlicht: 07.03.2014, letzte Änderung: 22.03.2016