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Das Stutzen von Papageien zu Therapiezwecken

Kein Beißverhalten eines gesunden Vogels ist krankhaft, das Verhalten "Beißen" wird in allen Fällen nur deshalb gezeigt, weil es dem Vogel den erwünschten Erfolg einbringt. Ist es also nicht sinnvoller, mit den natürlichen Verhaltensweisen von Papageien richtig umgehen zu lernen, anstatt sie einer zweifelhaften Therapie zu unterziehen, bei der sie temporär verstümmelt werden? Eine solche Therapie benötigen die Vögel nicht, sie benötigen einen Halter, der über Verhalten und Lernen Bescheid weiß. Der Halter benötigt fachkundige Anleitung, wie er sich dem Papagei gegenüber zu verhalten hat und wie er dem Papagei vermitteln kann, sich "familienverträglich" zu verhalten. Dafür, dass dies möglich ist, gibt es zahllose Beispiele.

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Papageienhaltung sehr zum Wohle der Tiere weiterentwickelt, viele wissenschaftliche Erkenntnisse und technisches Know-how fließen in die Gestaltung der Unterbringungen sowie in die Ernährung und Beschäftigung der Vögel ein. Auch die ethischen und humanen Methoden des modernen Tiertrainings finden immer mehr Einzug in die private Vogelhaltung. Die Zeiten, wo es normal war, Papageien allein in kleine Rundkäfige einzusperren oder angekettet auf einem Ständer zu halten, sind zum Glück vorbei. Auch das Beschneiden der Schwungfedern ist heutzutage nicht mehr üblich, da man weiß, dass es der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Papageien abträglich ist.

Umso mehr erstaunt es, dass gegen Aggressivität von Papageien gegenüber Menschen und Artgenossen eine Therapie angeboten wird, die u.a. das Stutzen der Flügel beinhaltet. Dabei soll das Tier von einem Tierarzt beidseitig so beschnitten werden, dass es noch etwas fliegen kann und die Federn beim nächsten Gefiederwechsel wieder nachwachsen. Begründet wird die Maßnahme des Stutzens damit, dass Vögel, die dem Menschen gegenüber aggressiv werden und beißen, verhaltensgestört seien und Dominanzaggression zeigen würden. Durch das Stutzen in Verbindung mit nicht näher beschriebenen Therapiemaßnahmen würden sie in kürzester Zeit wieder zu umgänglichen Vögeln und blieben es auch, wenn die Federn nachgewachsen wären.

Stutzen ist ein Eingriff in die Persönlichkeit eines Vogels, der ihn in seinen natürlichen Verhaltensweisen behindert. Dies für Therapiezwecke gegen Aggression bei Vögeln einzusetzen, ist mehr als fragwürdig.

Aggressives Verhalten wird von einigen Papageienhaltern leicht als Versuch des Papageien, Dominanz aufzubauen, fehlinterpretiert. In der Natur handelt es sich bei aggressiven Verhaltensmustern um normale und durchaus sinnvolle Strategien (siehe Artikel Aggression bei Papageien).

Schauen wir uns das Stutzen als Therapiemaßnahme näher an:

Wenn ein Papageienhalter die Dominanztheorie glaubt, weil er davon in veralteter oder schlecht recherchierter Literatur oder im Internet gelesen hat, mag dies entschuldbar sein.

Wenn jedoch jemand, der andere gegen Entgelt beraten will, ein solches durch nichts belegbares Gedankengebäude propagiert und auf solcher Basis eine "Therapie" anbietet, ist das schlicht und einfach fahrlässig. Dann wundert es auch kaum noch, wenn der Papagei zusätzlich zur Therapie durch Stutzen gefügig gemacht werden soll. Entweder hat jemand das nötige Wissen, um auch in schwierigen Fällen mit für das Tier positiven Mitteln arbeiten zu können oder eben nicht und muss zu solch aversiven Mitteln wie Flügelstutzen greifen.

Die moderne Papageien-Verhaltensberatung basiert ebenso wie das moderne professionelle Tiertraining auf dem anerkannten wissenschaftlichen Verfahren der Angewandten Verhaltensanalyse (Applied Bahavior Analysis) in Verbindung mit der Verhaltensbiologie. Das Gute daran ist, dass mit Mitteln gearbeitet wird, die für das Tier positiv sind. Es gibt keine Strafen im herkömmlichen Sinne (siehe Anmerkung), keine für das Tier aversiven Mittel, geschweige denn Maßnahmen, die die körperliche Unversehrtheit des Tiers beschädigen. Es ist partnerschaftliche Arbeit mit dem Tier mit dem Ziel, ein beiderseits vertrauensvolles Verhältnis zu schaffen. Dies bedeutet natürlich, dass Mensch und Tier miteinander arbeiten müssen, um gewünschte Erfolge verzeichnen zu können. Im Menüpunkt Verhalten, Lernen, Training gehen wir auf diese Thematik näher ein.

Anmerkung: Mit Strafen im herkömmlichen Sinne meinen wir z. B. Käfig zudecken oder mit Wasserflasche bespritzen, weil der Vogel schreit; Vogel einsperren, weil er gebissen hat; ein Tier mit Gegenständen bewerfen oder schlagen. Es gibt beim Training auf Basis von ABA auch milde Formen der Bestrafung, auf die wir an dieser Stelle jedoch nicht näher eingehen können. Leseempfehlung: Bestrafung: Fakten und Hintergründe

Stutzen - offizielle Stellungnahme und Gesetz

Gemäß der Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz – TVT, Merkblatt 114 (PDF-Datei zum Download) ist Stutzen ohne vernünftigen Grund strikt abzulehnen. Sie begründen dies unter Methode 3 damit,

Der abschließende Satz des Merkblattes:
"Es ist kein vernünftiger Grund dafür erkennbar, einen Vogel an seiner artgemäßen Fortbewegungsart - dem Fliegen - zu hindern."

Deutsches Tierschutzgesetz § 2 
Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat,

1. muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen,
2. darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden,
3. muss über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.



*Definition für Therapie von Wikipedia:
Die Therapie (altgriechisch therapeia „Dienst, Pflege, Heilung“) bezeichnet in der Medizin, Zahnmedizin und Psychotherapie die Maßnahmen zum Behandeln von Behinderungen, Krankheiten und Verletzungen aufgrund einer zuvor erlangten Diagnose. Ziel des Therapeuten ist die Ermöglichung oder Beschleunigung einer Heilung, die Beseitigung oder Linderung der Symptome und die Wiederherstellung der körperlichen oder psychischen Funktion.

**Definition für agonistisches Verhalten von Wikipedia:
Als agonistisches Verhalten (agonistis = der Handelnde, Tätige), auch Agonismus, wird in der Verhaltensbiologie die Gesamtheit aller Verhaltensweisen bezeichnet, "die mit Rivalität, Wettbewerb und Konkurrenz verbunden sind". Sie umfassen nicht nur den mit Gewalt verbundenen Angriff (Aggressivität), sondern alle Verhaltensweisen, die bei Auseinandersetzungen zwischen Widersachern auftreten – also auch die des Verteidigens, des Beharrens, des Zurückweichens beziehungsweise der Flucht.

Weitere Elemente des agonistischen Verhaltens sind unter anderem Imponierverhalten und Drohen sowie Unterwerfen, wobei für letzteres die Beschwichtigungssignale beim Hund das bekannteste Beispiel sind. Auch die sogenannten Übersprungbewegungen können zu den agonistischen Verhaltensweisen gehören. Agonistisches Verhalten umfasst demnach "die Gesamtheit aller mit der Auseinandersetzung zwischen Individuen in Zusammenhang stehenden Verhaltensweisen".

***Definition für Dominanz (Biologie) von Wikipedia:
Dominanz-Hierarchien sind bei vielen Tieren einschließlich der Primaten und auch beim Menschen zu finden. Individuum A schränkt die Rechte und Freiheiten von Individuum B ein und gesteht sich selber diese Rechte und Freiheiten zu, was von B akzeptiert wird. Dominanz ist immer beziehungsspezifisch und ist zeit- und situationsabhängig.


Autoren dieses Artikels: Ina Emser-Rinck und Dagmar Heidebluth
Veröffentlicht: 25.03.2015, geändert 13.04.2015