Mit Papageien leben

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Beißen von Papageien ignorieren?

Wenn Papageien beißen, lautet eine häufig in sozialen Medien verbreitete Empfehlung, "Ignoriere es, zieh dir Schutzkleidung an".

Wenn ich sowas lese, muss ich immer an meinen tropfenden Wasserhahn denken. Ich habe einen Lappen drumgewickelt, um nicht dauernd das Tropfgeräusch zu hören. War das eine Lösung des Problems? Natürlich war es eine - für den Moment, für ein paar Tage, bis der Klempner kommen konnte.

Ein Papagei kommuniziert seine momentane Stimmung und Meinung sehr deutlich über seine Körpersprache. Das gilt natürlich auch, wenn er etwas nicht möchte und ablehnt.

Ablehnungssignale können je nach Papageienart und auch individuell unterschiedlich aussehen. Häufig wird jedoch ein "nein, ich möchte das nicht", "halte dich fern", "verlasse meinen Bereich", "ich habe Angst", usw., je nach Situation und Zweck, durch enges Anlegen des Gefieders (sich klein machen), sich wegbeugen, schnelles enger und weiter stellen der Pupillen (blitzen), Aufstellen des Nackengefieders und Aufplustern (sich groß machen) mitgeteilt. Wird dies von seinem Gegenüber durch Verharren bzw. Zurückweichen beantwortet, entspannt sich die Situation wieder.

Beißen ist das stärkste Kommunikationsmittel, das einem Papagei zur Verfügung steht. Er wird es nur dann einsetzen, wenn all seine schwächeren und sehr differenzierten Kommunikationssignale mittels Körpersprache zu keinem Erfolg für ihn führen, also nicht verstanden oder nicht beachtet und respektiert werden. Wer gebissen wird, hat die vorhergehende Körpersprache absichtlich oder unabsichtlich ignoriert.

Die Empfehlung, das Beißen zu ignorieren, mag daher kommen, dass Verhalten, die zu keinem Erfolg führen, vermindert gezeigt oder ganz eingesellt werden. Das ist ein wissenschaftlich belegter Fakt. Ebenso ist es aber auch erwiesen, dass bisher erfolgreiche Verhalten, die plötzlich nicht mehr funktionieren, zunächst intensiver werden.

Wird der leichte Biss ignoriert, wird der Papagei stärker zubeißen. Das kannst du beim Wellensittich ignorieren, aber bestimmt nicht bei einem größeren Papagei. Ein großer Ara oder Kakadu wäre durchaus in der Lage, dir einen Finger zu amputieren und auch der Biss kleinerer Arten kann zu bösen Verletzungen führen. Schutzkleidung mag helfen, das Beißen zu ignorieren, aber führt Ignorieren wirklich zu einer Lösung des Problems?

Wie wirkt sich das Ignorieren aus?

Angenommen, es gelingt dir (ohne oder mit Schutzkleidung), das Beißen deines Vogels zu ignorieren, was würde der Papagei daraus lernen?

Aus der Papageienperspektive sieht es so aus: Seine normalen Körpersprache wird ignoriert, sein stärkstes Mittel, das Beißen, wird ignoriert, flüchten kann er auch nicht, denn er ist eingesperrt. Er ist dir vollkommen hilflos ausgeliefert, ohne Möglichkeit, wirksam zu handeln, um einer unangenehmen Situation zu entkommen. Wie wirkt sich das auf die Psyche des Vogel aus? Fügt er sich in sein Schicksal? Kommt er in den Zusand der erlernten Hilflosigkeit? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass auf diese Weise keine Vertrauensbasis zwischen Vogel und Halter geschaffen wird, und diese ist meiner Meinung nach in jeder Haltung unabdingbar.

Ein Papagei, der dich angreift und beißt, "muss" es tun, er kann in der Situation nicht anders, weil du ihn durch dein Verhalten dazu zwingst. Ausreden wie "aber ich muss doch..." und "aber ich wollte doch nur..." zählen nicht, wichtig ist nur, wie du und dein Verhalten auf den Vogel wirken und was dadurch bei ihm ausgelöst wird.

Beißen ist ein Verhalten, das nicht ignoriert werden kann und darf. Schau statt dessen, dass du solche Situationen vermeidest, die aggressives Verhalten des Vogels hervorrufen. Gib dem Papagei ein Mitspracherecht, akzeptiere sein "Nein, ich möchte das nicht", lehre ihn, sich "richtig" zu verhalten, von selbst kann er es nicht wissen. 

Leseempfehlungen:

Beißen? Ist nicht Papageienart - ein Artkiel von Steve Martin, einem der bekanntesten Tiertrainer weltweit. (PDF)

Papageien in temporärer Unterbringung: Die Grundlagen für Befähigung und Vertrauen - ein Artikel von Dr. Susan Friedman. Der Artikel gibt einen ganz kurzen Überblick, wie es zu Problemverhalten kommt und wie man sie ändern kann. Der Inhalt richtet sich zwar an Betreiber von Tierheimen, ist aber auch für private Papageienhalter sehr nützlich. (PDF)

Geschrieben von Dagmar, 01.08.2021