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Kritisch betrachtet...

In der Papageienhaltung hat sich in den letzten Jahrzehnten viel zum Wohle der Papageien geändert. So gibt es Mindestanforderungen hinsichtlich der Käfiggröße, die Verpflichtung zur paarweisen Haltung, Verbot der Anbindehaltung, viele neue Erkenntnisse zur Ernährung und zum richtigen Umgang mit den Tieren, usw. Zwar bestehen noch immer große Defizite bei der Umsetzung, aber ein großer Teil der Papageienhalter handelt bereits so, dass die Vögel ihrer Art entsprechend gehalten werden und ist bereit, die Haltungsbedingungen laufend zu verbessern.

Umso erschreckender ist es, dass neue Trends in Mode zu kommen scheinen, die genau in die entgegengesetzte Richtung laufen. Muss der menschliche Egoismus wirklich so weit gehen, dass man den Papagei an der Leine als Begleiter auf dem Sonntagsspaziergang mittnimmt, dass man ihm die Flügel stutzt oder ihn sogar kastriert, damit er besser zu händeln ist? Ich sehe diese Entwicklung sehr kritisch. Sie geht dahin, den Papagei - ein Wildtier - so zurechtzubiegen, dass man mit ihm umgehen kann wie mit Hund und Katze, die schon seit Jahrtausenden beim Menschen leben.
Zum Papageiengeschirr und zum Stutzen als Therapie gibt es bereits seit längerem ausführliche kritische Artikel.

Wesentlich schlimmer und durch nichts zu rechtfertigen ist jedoch die Kastration von Papageien zum Zwecke der Verhaltensbeeinflussung. Lesen Sie dazu unsere beiden von Tierärzten geschriebenen Artikel zur Kastration von Papageien, die wir im Oktober bzw. November 2016 veröffentlichten:
"Vasektomie und Kastration von Vögeln" von Dr. Scott Echols und
"Kastration von Papageien zur Beeinflussung unerwünschten Verhaltens" von Hermann Kempf, Beide Artikel befassen sich ausführlich mit dem zweifelhaften Nutzen, den Gefahren und möglichen Langzeitfolgen der Kastration.

Die renommierte Zeitschrift "PAPAGEIEN" aus dem Arndt-Verlag hat sich ebenfalls des Themas angenommen. In Ausgabe 05/2017 bezieht der Herausgeber und verantwortliche Redakteur, Herr Thomas Arndt, eindeutig Stellung gegen die Kastration und der bekannte Vogeltierarzt Dr. Carlo Manderscheid erläutert in seinem Artikel "Mutilation von Papageien" verschiedene Formen der Verstümmelung, mit denen Papageien zu kompatiblen Haustieren gemacht werden sollen. Er geht auch ausführlich auf die Kastration ohne medizinische Indikation, die hohen Risiken, den zweifelhaften Erfolg und andere Aspekte ein. Sein Fazit, Zitat: "Als Tierarzt halte ich die Verstümmelung von Papageien ohne medizinische Indikation nicht nur für grausam, sondern sie sind zu Recht durch den Paragrafen 6 des TierSchG verboten. Das gilt meiner Meinung nach auch für die Kastration. In Anbetracht fragwürdiger Ergebnisse, der risikoreichen und lebensbedrohlichen Operation und des Verstoßes gegen Paragraf 6 des TierSchG ist sie abzulehnen, es sei denn, es liegt eine medizinische Indikation vor. Diese ist für mich die einzige tierschutzkonforme Rechtfertigung für diesen riskanten Eingriff."
Die Zeitschrift ist beim Verlag zum Preis von € 5,00 erhältlich: PAPAGEIEN 05/2017

Auch die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. hat sich ausführlich mit dem Thema Kastration befasst und dazu im Mai 2017 ihre offizielle Stellungnahme "Kastration von Papageien" herausgegeben. Ihr Fazit (Zitat): "Die TVT lehnt aus den genannten Gründen die Kastration von Papageien grundsätzlich ab. Eine Ausnahme hierfür stellt lediglich eine durch Einsatz von Hormonen nicht beeinflussbare, lebensbedrohliche Veränderung der Gonaden (z.B. Hodentumore) dar, wobei selbst in diesem Fall eine sorgfältige Abwägung von Risiken und Nutzen erfolgen sollte. Die Kastration zur Beeinflussung des Verhaltens stellt einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz dar."

Die Kastration zur Beeinflussung des Verhaltens stellt einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz dar!

Nachdenkliches

Tierschutz? Jaaa... oder doch nur bis zu dem Punkt, wo man selbst
• zurückstecken, Abstand halten, ausweichen, Umwege gehen müsste;
• tolerant und verständnisvoll dem Tier gegenüber sein müsste;
• eigene Erwartungen zurücknehmen müsste;
• das eigene Verhalten reflektieren und lernbereit sein müsste;
• auf das tolle Foto oder die lukrative Einnahmequelle verzichten müsste?

Küstenseeschwalbe greift an
Küstenseeschwalbe greift an

"Krähen greifen Spaziergänger an" - solche Meldungen liest man jedes Jahr im Frühjahr und Sommer in der Zeitung. Am Eidersperrwerk hängen Schilder, die davor warnen, den dort brütenden Küstenseeschwalben zu nahe zu kommen, da sie im Sturzflug angreifen und auf den Kopf hacken.

Viele wehrhafte Vögel verhalten sich so oder ähnlich. Verteidigung ihres Territoriums, des Partners, des Nests und der Jungen sind natürliche Verhaltensweisen der Wildvögel, die sie jedem Störer gegenüber zeigen. Zumeist genügen Drohgebärden, um den Eindringling zu vertreiben (sofern es kein Beutegreifer ist), selten kommt es dabei zu Beißereien und Verletzungen. Wir Menschen sind meistens leider wenig sensibel für das Drohverhalten, wir sehen oder repektieren es nicht, sodass die Vögel gezwungen sind, zu ihrer stärksten Waffe, dem Beißen, zu greifen.

Unsere Papageien sind genetisch noch immer Wildvögel, auch wenn sie in Gefangenschaft geschlüpft sind und auch dann, wenn sie von Hand aufgezogen wurden. Folglich verhalten sie sich auch noch immer wie Wildvögel. Sehr lernbereite und anpassungsfähige Wildvögel, die durchaus lernen können, mit den völlig anderen Bedingungen einer Haltung im Vergleich zur Natur gut zurecht zu kommen, wenn der Halter bereit ist, sie als eigenständige Persönlichkeiten zu begreifen und zu akzeptieren. Diejenigen Halter, die ihren Papageien so begegnen wie einem guten Freund, nämlich mit Vertrauen und Respekt, mit angemessener Distanz anstelle von besitzergreifender Aufdringlichkeit und mit viel Verständnis für seine Eigenheiten, haben keine ernsthaften Probleme mit ihren Tieren.

Keine Kastration zur Verhaltensänderung

Wenn es zu aggressiven Verhaltensweisen kommt, die schwer zu tolerieren sind, dann sind zunächst einmal die Haltungsbedingungen zu überprüfen, dazu gehören u.a. die Volierengröße, vorhandene Beschäftigungsmöglichkeiten, evtl. zu reichhaltige Ernährung, usw. Ferner kann man mit dem Papagei auf der Grundlage der Angewandten Verhaltensanalyse arbeiten und ihm ohne Zwang andere Verhalten beibringen, die er anstelle der unerwünschten zeigen soll. Über diese ethisch einwandfreien Verfahren zur Verhaltensmodifikation sollte sich jeder Papageienbesitzer in den Grundzügen informieren.

Von professionellen Papageienberatern würde ich erwarten, dass sie umfassende Kenntnisse über das Training ohne Zwang und über ethisch einwandfreie Verfahren zur Verhaltensmodifikation besitzen und auch anwenden können. Die Tatsache, dass es professionelle Papageienberater gibt, die die Kastration ins Auge fassen, um aggessive Verhaltensweisen zu unterbinden, löst bei mir Unverständnis und Ablehnung aus.

Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e. V. (TVT) hat einen Codex Veterinarius erstellt, der zwar keinerlei Rechtskraft hat, aber zumindest für ihre Mitglieder verpflichtend ist, Zitat: "Der vorliegende Codex Veterinarius ist das Grundsatzdokument der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e. V. (TVT) und formuliert den ethischen Anspruch ihrer Mitglieder."

Einer der Leitsätze des Codex Veterinarius lautet:
"Tierärzte sollen vor jeder tierärztlichen Tätigkeit, die die physische, psychische und soziale Unversehrtheit des Tieres beeinträchtigen könnte, die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit für eine potentielle Beeinträchtigung stellen, wobei berufspolitische Interessen dem Tierschutz nicht übergeordnet werden dürfen."

Sollte dieser Leitsatz nicht auch und erst recht für Papageienberater gelten?

 



Veröffentlichung: 21.10.2016, letzte Aktualisierung: 26.06.2017