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Vasektomie und Kastration von Vögeln

von Dr. Scott Echols
Originaltitel: Bird Vasectomy and Castration
Übersetzung: Dagmar Heidebluth
Veröffentlichung auf dieser Webseite mit freundlicher Genehmigung des Autors

Gestern. Ich sterilisierte einen Pfau. Das Verfahren an sich war unkompliziert, es waren all die darauffolgenden Diskussionen, die mich zu diesem Artikel veranlassten. Viele der Kommentare und Fragen hatte ich in der Tat schon oft gehört. So dachte ich, ich sollte die Gunst der Stunde nutzen, um etwas zum Thema Kastration und Sterilisation von Vögeln zu schreiben.

Vasektomie (Sterilisation) bedeutet, einfach den Samenleiter, einen langen Schlauch, der vom Hoden (tief im Inneren des Bauchraums) zur Kloake führt, zu durchtrennen. Dies ist die Leitung, in der das Sperma von den Hoden in die Außenwelt gelangt. Der Samenleiter wird durchschnitten und ein Stück davon entfernt, um künftige Befruchtungen zu verhindern. Dies kann mittels Endoskopie (geringfügig invasiv), Operation durch Öffnen des Bauchraums (höchst invasiv) oder, bei kleinen Singvögeln (wie Finken) am hervorstehenden Zapfen an der Kloake (minimal invasiv) erfolgen. Beide Samenleiter müssen komplett durchtrennt werden, damit die Vasektomie wirksam ist. Abhängig von der Vogelart können einige Vögel bis zu 6 Monate nach der Vasektomie noch erfolgreich Weibchen befruchten. Möglich ist das, weil in dem nicht entfernten Teil des Samenleiters noch immer Sperma vorhanden sein kann.

Vasektomie hat keinen Einfluss auf das Verhalten oder das Gefieder des Vogels sondern lediglich auf die Befruchtungsfähigkeit (nachdem der Samenleiter komplett geleert ist). Daher wird dieses Verfahren hauptsächlich als Mittel zur Bestandskontrolle verwendet. Mögliche Nebenwirkungen hängen meistens mit dem chirurgischen Eingriff zusammen, wie Narkosekomplikationen (einschließlich Tod), Durchtrennen des falschen Gefäßes (z. B. des Harnleiters oder großer Blutgefäße, die nahe am Samenleiter liegen) und unvollständiges Trennen der Samenleiter (die heilen und noch immer funktionsfähig sein können).

Kastration ist ein ganz anderes Thema. Meine grundsätzliche Aussage dazu lautet: Ich empfehle Kastration ausschließlich bei Hodenerkrankungen (zumeist Krebs). Mit anderen Worten, ich empfehle die Kastration als Mittel zur Verhaltensmodifikation nicht.

Die Hoden eines Vogels liegen tief im Inneren des Bauchraums, sodass der Zugang schwierig ist und entweder ein invasives Öffnen des Körpers oder endoskopische Chirurgie über mehrere Zugänge erfordert. Die technischen Schwierigkeiten der Kastration hängen zum großen Teil von der Größe der Hoden ab (die sich in der Brutzeit und bei etwa vorhandene Erkrankungen drastisch ändert). Außerdem kann allem Anschein nach jedes zurückgelassene Hodengewebe nachwachsen. Wenn also ein Stückchen des Hodens nicht entfernt wird (was wegen der engen Verbindung zu umliegenden Gewebe möglich ist), kann er wieder zu einem aktiven, gesunden und sehr effektiven Organ heranwachsen! Die Kastration von sehr jungen Tieren bevor sich der Hoden voll entwickelt und vergrößert hat, nennt man Kapaunisieren.

Wenngleich ich schon viele Vögel kastriert habe, einige bedauerlicherweise auch aus Verhaltensgründen, ziehe ich dieses Verfahren jetzt ausschließlich bei medizinischen Problemen in Betracht. Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass Kastration zwecks Verhaltensmodifikation nicht funktioniert. Das schließt den Versuch ein, Aggression bei Papageien, Enten und Geflügel und das Krähen von Geflügel (Hühner und Pfauen) zu reduzieren. Die Vögel stellen ihr Verhalten für eine Weile ein (vermutlich weil sie sich aufgrund des invasiven Eingriffs schlecht fühlen), aber sie nehmen es zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf (bei einigen wurde sogar überprüft, ob kein Rest von Hodengewebe nachgewachsen war). Es gibt sogar etliche Studien mit unterschiedlichen Vogelarten, die die gleichen Resultate ergeben - wenn ein Verhalten einmal etabliert ist, geht die Tendenz dahin, dass Kastration nicht dazu führt, dass dieses Verhalten aufhört. Einige dieser Studien haben sogar eine Zunahme der Aggression bei kastrierten Vögeln gezeigt. Damit bestimmte Verhaltensweisen (und das normale Gefieder erwachsener Männchen) nicht entstehen, wäre es vermutlich am effektivsten, wenn die Kastration bei jungen Vögeln vorgenommen wird. Jedoch kann ich die Maßnahme zu dem Zeitpunkt nicht gutheißen.

Ein Teil des Problems ist, dass wir von einem Vogel verlangen, nicht sein normales Verhalten zu zeigen, wie das Krähen des Hahns oder das aggressive Beschützen des Partners (der auch ein Mensch sein kann). Daher konzentriere ich mich darauf, das Verhalten zu verstehen und schaue nach anderen Mitteln zur Verhaltensmodifikation.


Über den Autor:

Dr. M. Scott Echols ist ein US-amerikanischer Vogeltierarzt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, durch bessere Information der Tierhalter und Erstellung von Lehrmedien das Leben der Vögel in Gefangenschaft zu verbessern und zu bereichern. Zu diesem Zweck hat er seine Firma Avian Studios, LLC gegründet.
Er ist außerordentlicher Professor am Texas A&M College of Veterinary Medicine und hält häufig Vorträge an Universitäten und auf Konferenzen in USA und weltweit.
Bitte besuchen Sie seine Webseite
www.avianstudios.com

 


Veröffentlichung: 21.10.2016